Warum hält man Ruhe so schwer aus? Weil einem zu 99,9% die banalsten Gedanken hochkommen. Gedanken wie: Hab ich vorhin die Tür abgeschlossen? Wer trägt heute noch Polyesterhosen? Was koche ich heute Abend? Reicht die Milch noch für das Frühstück morgen? Wann war noch mal der fucking pädagogische Tag im Kindergarten?
Die 0,01%, die dann – wenn man Glück hat – eine zündende Erkenntnis hervorbringen, gelten in Zeiten des Smartphones als unwirtschaftliche Ausschöpfung von Erkenntnispotential. Warum also nicht den Spieß umdrehen? Wenn man sich während eines Waldspaziergangs oder einer Fahrt von A nach B mit allerhand Wissen zutexten lassen könnte – so nach dem Motto: hilft´s nix, schadet´s nix –, dann wäre man doch blöd, blöd in die Gegend zu gaffen und auf die gnädige Rarität der Erkenntnis zu hoffen. Darum: Airpod-Trichter rein, Podcast an und das Problem mit den Wissenslücken ist gelöst. So tauscht man die 99,9 % der banalen Gedanken und die 0,01% der Erkenntnis und fertig ist die Schlaumeierei.
Die Frage ist: Was dann von dem konsumierten Wissen in Erkenntnis mündet? Und was ist überhaupt der Unterschied zwischen Wissen und Erkenntnis? Das ist eine hochkomplexe Angelegenheit in der Wissenschaft und so auch im Alltag, sofern man es genau nähme. Aber das ist eine andere Geschichte. Bei dem beiläufigen Konsum von Wissen geht es vor allem darum: Viel Wissen rein und maximale Erkenntnis raus. E F F I Z I E N Z, Mann! Ist doch ganz einfach. Schön wär´s, wenn der Weg zur Erkenntnis so simpel wäre. Der berühmte französische Physiker Ed Witten, der als einer der „schlausten Menschen der Welt gilt“*, hat mich mit seinen Antworten in einem Interview in der ZEIT im vergangenen Sommer ziemlich eingenordet, als er sagte, dass er den absolut größten Teil seiner Arbeitstage mit 0,00% Erkenntnis verbringt. Ja, nicht einmal mit einer ansatzweise gescheiten Frage, nach der es sich lohnen könnte, weiter zu forschen, sein Büro verlässt. Diese Bescheidenheit gegenüber der Erkenntnis von einem der erkenntnisreichsten Menschen in der Physik, hat mich genügsamer und zugleich zufriedener gestimmt.
Wissen kann nicht beiläufig inhaliert werden wie die Luft beim Atmen. Im Idealfall, und wenn die Quelle rein ist, kann es zu mehr Wissen führen. Die daraus gefolgte Erkenntnis kommt in unerwarteten Schüben. Der vom Input aufgewirbelte Staub muss sich ab und an mal setzen, um uns wieder etwas erkennen zu lassen. Erkennen braucht viel Raum, Zeit und Ruhe. Wesentlich dabei ist die geduldige Abwechslung zwischen Aufnehmen, Hirnen, Lockerlassen und blöd Gaffen. Was dann bleibt – wenn man Glück hat – ist ein Funke der Erkenntnis, der aufblitzt wie eine Sternschnuppe. Wer sich permanent zudröhnt, vergibt sich womöglich die 0,01%ige Chance, sie zu bemerken.
* Interview: Max Rauner und Ulrich Schnabel mit Edward Witten (US-amerikanischer Mathematiker und Physiker), aus der ZEIT Nr. 54/2023