Warum wächst durch permanente Verfügbarkeit die Sehnsucht nach Unverfügbarkeit? Weil unendliche Verfügbarkeit unfrei macht. Permanent Entscheidungen zu treffen, überfordert. Und ein permanent überforderter Mensch ist nicht mehr in der Lage, seine Freiheit zu leben. Der existenzialistische Philosoph Jean-Paul Sartre sagte es so: „Wer frei ist, ist auch verantwortlich“. Das ist das Los der Freiheit. Das klingt dramatisch? Ja, ist es auch. Wer frei entscheidet, entscheidet und handelt überlegt. Das ist jedoch nicht, was wir tun, wenn wir in Hundertsteln von Sekunden durch Reels wischen oder vor unendlichen Möglichkeiten bei einer Kaufentscheidung stehen. Wir handeln instinktiv. Eine instinktive Handlung ist für einen hochgezüchteten Vernunftsmenschen, wie wir Westler:innen uns empfinden, keine bewusste Entscheidung. Steig ich aus dem Entscheidungskarusell aus, lande ich im Stillstand. Stillstand ist in einer kapitalistischen Welt der Tod. Wer aussteigt, verliert. An Zuwachs. An Ansehen. Seine Existenz.
Die westlich privilegierte Welt ist eine Welt der unendlichen Möglichkeiten. Die aufstrebende Industrialisierung, die Revolution der Digitalisierung, die Emanzipationsbewegungen, all das hat uns zu „mehr Freiheit“ verholfen. Das kapitalistische Streben nach Gewinn und Vermehrung hat die Auswahl auf vielen Ebenen rasant vervielfacht. Die Welt der Online-Plattformen vermittelt uns unendliche Verfügbarkeit an materiellen Gütern und Auszeiten aus dem Alltag.
Der Wunsch nach Resonanz steigt. Intensität. Kontemplation. Lebendigkeit. Klarheit. Der Clou an dieser Sehnsucht ist die Unverfügbarkeit. Die Überforderung bringt uns dazu, uns in einen Zustand der Not zu wünschen, indem wir wach sein müssen, um zu überleben. Aus der Not wächst die Kreativität. Aus Überfluss der Stumpfsinn. Der Moment der Lebendigkeit ist rar. Die Unverfügbarkeit macht Dinge, Momente, Menschen, Lieben … so anziehend. Daraus wächst Sehnsucht und Begehren. Man könnte meinen, dass durch die Steigerung der Situationen, in denen „Lebendigkeit“ versprochen wird, die Wahrscheinlichkeit, sie zu erleben, steigt. Ganz nach dem Motto: Bestellen. Zahlen. Liefern. Leider läuft das „Geschäft“ mit Resonanz nicht so. Der Soziologe Hartmut Rosa hat den Begriff der Resonanz, den wir als „heiligen Moment“ begehren, durch vier Elemente brillant beschrieben: „1. Anrufung: Etwas ruft mich an, bringt mich zum Auf-hören, und deshalb muss dieses Etwas, kann es nicht einfach das sein, was ich schon immer gedacht habe. Resonanz bedeutet das Hören eines dezidiert Anderen, und das kann durchaus irritierend sein. (Rosa 2024: 58-59) 2. Selbstwirksamkeit: Das, was ich tue, tritt mit diesem Anderen in eine Art von Verbindung. (…) Resonanz heißt für mich Hören und Antworten; etwas erreicht mich, ruft mich an, und ich stelle plötzlich fest, es entsteht eine Verknüpfung dadurch, dass ich in der Lage bin, auf das Empfangene zu reagieren. Da fühlen wir uns lebendig. (Rosa 2024: 59-60) 3. Transformation: Da, wo Resonanz zustande kommt, wo ich wirklich aufhöre und mich mit dem, was mich erreicht verbinde, verwandle ich mich, komme ich in eine andere Stimmung und auf andere Gedanken. Ich fange an, die Welt anders zu sehen und anders zu denken. (Rosa 2024: 62) 4. Unverfügbarkeit: Man kann Resonanzbeziehungen nicht herstellen, kaufen oder erzwingen. (Rosa 2024: 64)“
Das heißt, ich kann mich sozusagen in eine für einen Resonanz-Moment empfängliche Stimmung bringen. Das Angebot an Auszeit-Exerzitien ist endlos. Aber: Die Unverfügbarkeit bleibt bestehen. Ätsch, bätsch! Was machen wir dann? Wir wollen die Frequenz für Resonanz steigern. Dies tun wir durch für den Zweck der Lebendigkeit geschaffene Situationen. Wir häufen die Momente und meinen damit zugleich, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen. Ein ganz natürliches Verhalten, wenn man in der westlichen Zweckgesellschaft sozialisiert ist. Ich habe diese Form der Effekthascherei mit unserer Sucht nach Erkenntnis in meinem Blogbeitrag „Warum Sein, wenn Nicht-Sein schlauer macht.“ bereits angesprochen. Der Moment der Erkenntnis ist genau dieser Resonanzmoment. Der Durchbruch dieser Gedanken ist mir aber erst bei der Auseinandersetzung mit Wittgensteins Phänomen des Weltbildes gelungen. In einem meiner nächsten Blogbeiträge möchte ich mit Wittgensteins Widersprüchen zwischen den Weltbildern und der Chance auf Wandel in Form eines meiner Essays theoretisch darauf eingehen.
Ein permanenter Overload der Verfügbarkeit führt zum Niedergang der Ästhetik. Ein Interview mit der Modeikone Miuccia Prada hat mein Weltbild für die Liebe zur Ästhetik etwas entzaubert. Miuccia Prada selbst empfindet nicht sonderlich viel Freude an Mode und sich Kleiden. Wahrscheinlich, weil sie mit ihrem Chefdesigner Ralf Simons alle sechs bis acht Wochen eine neue Kollektion entwerfen und produzieren muss. Das ist das Business der Luxusbranche heute. Was bleibt von der Unverfügbarkeit, die den Luxus ausmacht? Fakt ist, dass die absolute Verfügbarkeit nicht zu mehr Ästhetik auf dieser Welt führt. So kommen wir zur Schwierigkeit: Was ist das Qualitätskriterium für Ästhetik? Woran macht man guten Stil fest? Ich würde sagen, zum einen durch die Qualität an sich, d.h., welche Materialien verwendet werden, die Präzision der Fertigung etc. Zum anderen durch Identität, d.h., Einzigartigkeit, Authentizität und Individualität. Kurz: Gut Ding braucht Geduld. Und ganz wesentlich: Die Unverfügbarkeit macht Dinge besonders. Luxus, Mode, Städte, Menschen, Gott, Erleuchtung …
Alles rund um den Konsumkosmos ist heute schnell, permanent und überall verfügbar, die Auswahl erstickend hoch. Kurz: Wer braucht, bekommt. Die Konsequenz: Stagnation statt Resonanz.
Mehr dazu im nächsten Beitrag.
Quellen:
Rosa, Hartmut. „Demokratie braucht Religion“. 1. Auflage 2022 © Kösel-Verlag, München. Angaben aus der 11. Auflage 2024. Herausgeber: Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München.